"The Love Song of J. Alfred Prufrock" - Versuch einer Interpretation
Schriftliche Ausarbeitung des Referats im Rahmen der Veranstaltung "Interpretation hochkomplexer Texte"
Leitung: Prof. Dr. Thomas Metscher, Universität Bremen, WS 1996/97
Referentin: Andrea K. Heil
E-Mail: @@@www@okaze.de@@@
Inhaltsangabe
2. Zur Entstehung des Gedichts
4. Die äußere Struktur des Gedichts
5. Sprachliche und stlistische Mittel
Als ich begann, das Gedicht Eliots als hochkomplexem Text dem Versuch einer Interpretation zu unterziehen, fiel mir während meiner Recherche auf, wieviele Menschen diese Gedicht kennen und schätzen und daß es das am häufigsten anthologisierte Werk T.S.Eliots ist. Beides deutet bereits auf die Vielschichtigkeit der Verständnisebenen und die eigenartige Schönheit der Sprache hin, die diesem Werk seinen Platz in der Weltliteratur geschaffen haben. So reihen sich in der Sekundärliteratur zu dem "The Love Song of J. Alfred Prufrock" subjektive Projektion und zahlreicher Versuche einer objektiven Betrachtung, beeinflußt durch Konventionen und dem Wunsch nach einer unkonventionellen Interpretation, aneinander und erschweren die Ausarbeitung einer eigenen Interpretation, bzw. scheinen diese durch das große Angebot sogar fast unnötig zu machen. Ich möchte meine Hausarbeit deswegen eher als Spurensuche oder als Fokussierung auf ausgewählte Aspekte bezeichnen, die ich durch mein persönliches, im Laufe der Arbeit an dem Gedicht entstandenes Verstehen ergänzen möchte. Natürlich ist auch dies eine Art von Interpretation, und so schließe ich meine Einleitung, um mich endlich dem Gedicht zu widmen .
Bevor ich mit der Arbeit am eigentlichen Text beginne, möchte ich ein paar Zeilen von T.S.Eliot vorausschicken, die den Punkt festlegen, von wo aus ich mich auf das glatte Eis der Interpretation bewegen werde. Eliot schrieb in seinem bekannten Essay >>Tradition and the Individual Talent<< folgende Zeilen zu der Rolle, die der Dichter im Schaffungsprozess der Dichtung spielen soll:
"...denn ich [Eliot] bin der Meinung, daß der Dichter nicht eine 'Persönlichkeit' darzustellen hat, sondern ein bestimmtes Medium, welches nur ein Medium und nicht eine Persönlichkeit ist, in dem sich Eindrücke und Erfahrungen in besonderer und unerwarteter Weise verbinden. Eindrücke und Erfahrungen, welche für den Menschen wichtig sind, mögen keine Rolle in der Dichtung spielen, und jene, welche in der Dichtung wichtig werden, mögen nur eine unbedeutende Rolle für den Menschen, die Persönlichkeit spielen." 1
In Anlehnung an diese Zeilen wird T.S. Eliots Persönlichkeit in meiner Bearbeitung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen möchte ich versuchen zu umreißen, welches Medium er geschaffen hat, um das Bild eines gesellschaftlichen Zustands auszugestalten, und welche Quellen Eliot benutzt hat, um sie durch eine Art Katalyse zu diesem Gedicht der Moderne werden zu lassen.
2. ZUR ENTSTEHUNG DES GEDICHTES
"The Love Song of J. Alfred Prufrock" ist in den Jahren 1910/11 enstanden. Eliot war zu diesem Zeitpunkt 22 bzw. 23 Jahre alt und verbrachte in der Folge der Enstehung des Gedichts seine erste Zeit auf dem europäischen Kontinent. Begonnen hat er den "Love Song" in Harvard, wo er im Februar 1910 studierte, und wo er sich bereits ein breitgefächertes Wissen um die europäische Literatur und Philosophie angeeignet hatte. Noch war der Eindruck, den die Lektüre von Arthur Symons Werk >>The Symbolist Movement in Literatur<< (1908) in ihm hinterlassen hatte, frisch und überwältigend. Dichterisch ambitioniert erkannte Eliot in dem dort beschriebenen Symbolisten Jules Laforgue einen Seelenverwandten, der seine Lyrik und Prosa mit einem intuitiven Verständnis der Realität und der menschlichen Abgründe verfaßt hatte. In Laforgues Werk wurde Eliot mit Stilmitteln und Figuren konfrontiert, die er auch bei seinem ersten bekannten Gedicht, eben dem "Love Song of J. Alfred Prufrock", verwenden würde. Hierzu gehören z.B. als äußerer Form der vers libre und als Stil eine distanzierte Umgehensweise mit seinen Charakteren, die sich in fantastischer Ironie und Selbstverspottung äußert und durch die Benutzung eine Maske noch unterstützt wird. Wie Laforgue greift auch Eliot auf klassische Gestalten der Weltliteratur, auf Prinz Hamlet und auf Johannes den Täufer, zurück und fügt sie in seine Dichtung ein 2 . Arthur Symmons schrieb über Laforgues Werk
"In ihm findet man all die Rastlosigkeit des modernen Lebens, die Hast all dem zu entkommen, das die Freiheit des Moments erdrückt, jene übermütige Freiheit, die nur den Raum benötigt, den sie braucht, um sich selbst bis zur Erschöpfung zu hetzen."3
Eliot läßt sich von Laforgue inspirieren und beeinflussen, verwandelt aber diese Rastlosigkeit in Stagnation, in eine Unfähigkeit zu Handeln. In seinem modernen Leben ist das natürliche Streben nach Innovation durch den Kreislauf der gesellschaftlichen Rituale ersetzt worden und die Figur bleibt in ihrer Erschöpfung gefangen.
Eliot hat Laforgue also nicht einfach kopiert, vielmehr gab der französische Symbolist dem jungen Amerikaner das sprachliche Werkzeug, die phantastische Ironie, die freie Assoziation und der freie Umgang mit Stimmungen, um die eigenen Eindrücke der inneren und äußeren Spannungen in seinem Umfeld ohne die Entblößung der eigenen Persönlichkeit umzusetzten 4 . Das Gedicht "The Love Song of J.Alfred Prufrock" erscheint in gedruckter Form zum ersten Mal 1915 auf Empfehlung von Ezra Pound im Chicagoer Magazin Poetry und wird später zum Titelgedicht seines ersten Gedichtbandes "Prufrock and Other Observations" (1917).
Das das von Eliot gewählte Medium, das hier am einfachsten mit dem in der Überschrift genannten "J.Alfred Prufrock" zu identifizieren ist, fordert ein nicht genauer bezeichnetes "you" auf, ihn auf dem Weg zu einem Besuch zu begleiten.
Der Weg soll durch die Straßen einer Stadt bis zu einem Haus führen. Dort geht es die Treppen hinauf in einen Salon, in dem eine Art tea party stattfindet. Das "I" versucht sich mit einer Frau, vermutlich der Grund seines Besuchs, zu unterhalten und ihr eine wichtige Frage zu stellen, schafft es aber aufgrund seines ständigen Selbstzweifels nicht, sich mitzuteilen. Immer wieder versinkt Prufrock in die Welt seiner Gedanken, die eine mögliche Handlung mit ihren Assoziationen und Visionen zerstückeln.
4. DIE ÄUßERE STRUKTUR DES GEDICHTS
Nach der Überschrift des Gedichts folgt ein kursiv gesetztes italienisches Motto, das ohne Quellenangabe bleibt. Darauf folgen 20 Abschnitte unterschiedlichster Länge, von nur einer Zeile bis hin zu einer Länge von zwölf Zeilen. Die Verszeilen sind unterschiedlich lang, das Reimschema ist willkürlich, und daraus ergibt sich als äußere Form der vers libre.
Auffällig sind die immer wieder auftauchenden, paarig gereimten Zweizeiler, die oft auch als heroic couplet zu identifizieren sind. Diese markanten Zweizeiler findet man als zweiten, fünften, elften und sechzehnten Abschnitt des Gedichts.
Das Gesamtbild wirkt durch jeweils drei Asterikse, die nach dem neunten, elften und vierzehnten Abschnitt einen Einschnitt andeuten, unterbrochen, zusammengestückelt oder auch fragmentarisch. Der Lesende wird an diesem Punkt automatisch eine Gedankenpause einlegen und dadurch das Gedicht auf einer weiteren Ebene strukturieren. Auf dieser Ebene ist das Gedicht in vier Teile eingeteilt. Als Unterstützung dieser Einteilung funktioniert das Fehlen eines Einschubs der ersten Zeile in den jeweils ersten Abschnitten nach den Asteriksen, dadurch wird der Anfang eines neuen Gedichts evoziert. Der in allen anderen Abschnitten vohandene Einschub in der jeweils ersten Zeile setzt sich den Einschüben von Endzeilen, die Phrasen in direkter Rede beinhalten, fort und ist somit auch ein Instrument der Akzentuierung.
Obwohl sich für das Gedicht entsprechend dem vers libre keine einheitliche äußere Form finden läßt, wirkt es doch sehr strukturiert. Einzelne Strophenformen wiederholen sich, werden dann durch eine andere abgelöst, die auch wiederholt wird. Dadurch bekommt die Form des Gedichts bei näherer Betrachtung etwas grob Collagenhaftes, als ob ganze Abschnittsfolgen aus verschiedenen Gedichten zusammengesetzt worden sind.
Die Collagenhaftigkeit wird auf der textlichen Ebene des Gedichts bei der Wahl der Assoziationen und Bilder und dem Zitieren und Paraphrasieren bekannter literarischer Werke fortgesetzt. Diese Demontage von äußeren Strukturen und gewohnten Bildern spiegelt den inneren Seelenzustand der Hauptfigur, des J. Alfred Prufrock wider. Uns bleibt es überlassen, beim Lesen den Höhen und Tiefen, Abschnitten und Verknüpfungen der Zeilen zu folgen und so in dieses eigenständige Universum einzutauchen.
5. SPRACHLICHE UND STILISTISCHE MITTEL
Der "Love Song of J.Alfred Prufrock" fügt sich seinem Titel nach in die Tradition der Rollengedichte ein. Indem Eliot eine Rolle wählt, distanziert er sich von den Aussagen des Gedichts, denn die ausgedrückten Empfindungen, Gedanken und Aussagen können nicht mehr unmittelbar mit seiner eigenen Persönlichkeit in Verbindung gesetzt werden. Er kann durch diese Maske frei, befreit von Anstandsgefühl, Scham und persönlicher Bindung sprechen und die Welt mit den Augen seines Mediums betrachten und bewerten 5.
Die Figur des Prufrock drückt sich auf einer sprachlichen Ebene aus, die der Umgangsprache sehr ähnlich ist. Diese Sprache ist, obwohl sie voll von Metaphern und Bildern ist, nicht romatisch. Die Modernität der Sprache ensteht durch die oft erschreckende Art der Bilder und die knappen und doch sehr effizienten Formulierungen, die Eliot benutzt, um die Gemütszustände seines Mediums adequat wiederzugeben.
Er wählt als Erzähltechnik den dramatischen Monolog. Bei dieser Art des Erzählens wird nicht versucht, den Gedankefluß (stream of consciousness) nachzuahmen, vielmehr ist es ein innerer Monolog, den Eliot in seinem Gedicht mit Assoziationen anreichert. Das lyrische Ich im Prufrock ist sich seines Denkens bewußt, fügt aber seine Erfahrungen, Visionen und Erinnerungen assoziativ in den Handlungsablauf des Gedichts ein.
Außer dem "I", das in enger Beziehung zu dem "you" steht, bleiben die Personen in Prufrocks Umfeld anonym und werden nur in ihrer Pluralform wie z.B "women" (Zeile 13) oder "they" (Zeile 41) oder in Ausschnitten ("voices", "eyes", "arms") und Handlungen angedeutet. Selbst die Frau, die er in Gedanken anspricht, wird als "one" wahrgenommen, bleibt gesichtslos in ihrem von ihm erwarteten Verhalten. Der Effekt dieser Anonymität ist eine umso größere Intimität mit dem inneren Gegenüber, dem "you". Da die zweite Person Singular auch immer den Effekt der direkten Anrede an den Lesenden hat, wird diese Intimität auch auf ihn übertragen.
Eliot benutzt überraschende und einprägsame Metaphern um die Wahrnehmung und den Gemütszustand des Prufrock zu beschreiben. Der Effekt dieser Metaphern wird oft durch die Entromantisierung und Vermenschlichung der Natur erzielt. Hierbei wird ihre herkömmliche Erscheinungsweise verfremdet, und es werden so neue Perspektiven und Assoziationen geschaffen. Schon im ersten Abschnitt nach dem Motto werden diese Metaphern benutzt: Der Abend gleicht einem ätherisierten Patienten, ruhiggestellt und in anderen Sphären schwebend (Zeile 2), und die Strassen winden sich wie ein ermüdendes und heimtückisches Gespräch (Zeile 8). Im übernächsten Abschnitt wird der gelbe Nebel und Rauch der Stadt als absolute Metapher mit den Attributen einer Katze belegt, die sich träge um das Haus legt. Eliot evoziert verschiedene derartige Bilder, um den Seelenzustand seines lyrischen Ichs zu beschreiben: Mal sieht sich Prufrock als ein Insekt, das zu Forschungszwecken an der Wand aufgespießt wurde, mal wünscht er sich, "a pair of ragged claws" (Zeile 73) - eine Krabbe auf den Meeresboden zu sein.
Eher oberflächlich wirken die häufigen Repetitionen einzelner Worte, Phrasen und Zeilen. Wiederholt wird z.B. der zweite Abschnitt, das heroic couplet der Frauen, als Abschnitt V, das Wort "time" und auch die Phrase "there will be time..." (besonders Abschnitt IV und VI); Satzfragmente wie: "for I have known" und "I have known", ebenso: "how should I presume" und "should I then presume" (alles in den Abschnitten VII, VIII und IX). Wichtig sind auch die Wiederholungen von "would it have been worth it/would it have been worth while" und die Varianten von "that is not what I meant, at all" (alles Abschnitt XIII und XIV). Neben diesen Phrasen werden aber auch wie bereits erwähnt einzelne Worte wiederholt, um Prufrocks Assoziationen zu betonen und diese im Zusammenhang in seinem Gedankengang aufzuzeigen. Der Effekt der gehäuften Wiederholungen ist, daß sich das Erleben und Denken des Mediums immer im Kreis zu drehen scheint und er immer wieder den selben Gesprächen und Situationen ausgesetzt ist, gleichzeitig aber auch von ihnen förmlich besessen wirkt.
In der Sprache, mit der Prufrock zu uns spricht, findet man neben den bereits genannten Stilmitteln weitere Elemente, die besonders den Einfluß Laforgues auf das Gedicht erkennen lassen. In diesem inneren Monolog trifft man häufig auf eine fast unangenehme wenn auch komische Selbstironie, z.B. wenn Prufrock sich fragt "Should I, after tea and cakes and ices, have the strength to force the moment to its crisis?" (Zeile 79f) und mit diesem komischen Reim seinen tragischen Selbstzweifel in Bezug zu dem banalen Ereignis eines Nachmittagstees setzt. Diese Form der Selbstironie und der damit verknüpften inneren Distanz zieht sich durch das ganze Gedicht und ist eng verwoben mit der Beziehung des "I"s zum "you". Beide Personalpronomina stehen in diesem Zusammenhang für ein und dieselbe Person, für J. Alfred Prufrock. Die Selbstironie ist ein Ergebnis dieser Verdoppelung der Persönlichkeit, die Prufrock in ein denkendes und handelndes, objektives Ich und ein subjektives Ich, das sich bei diesem Sein beobachtet, aufspaltet. Sein Dilemma erklärt sich daraus, daß dieses sich selbst übermäßig bewußte Bewußtsein durch die ständige Selbstbeobachtung und Analysierung nicht mehr in der Lage ist zu handeln. In seinem inneren Monolog ist es die Aufgabe der Selbstironie und der zahlreichen rhetorischen Fragen wie z.B. "Do I dare?" (Zeile 38) diese tragische Verstrickung einer Persönlichkeit in sich selbst aufzuzeigen.
Als letztes Stilmittel möchte ich auf Eliots zahlreiche Anspielungen auf große Werke der abendländischen Literatur hinweisen. Der erste Effekt, den diese Zitate, Paraphrasierungen und Allusionen haben mögen, ist eine Verwirrung des Lesers, eine Verschlüsselung des Werkes ganz im Sinne der modernen hermetischen Dichtung. Andererseits haben diese Allusionen jedoch eine Wirkung, die unterhalb des direkten Textverständnisses aktiv ist. Die Figuren, Ausprüche und Anspielungen erinnern bewußt an Mythen und große Momente der europäischen Schriftkultur und hinterlassen im Lesenden den Eindruck des schon mal gelesenen. So wird das Werk intuitiv in den westlichen Kulturkreis eingebunden, bekommt eine bereits etablierte Vergangenheit und wirkt dadurch zeitlos.
6. DIE INTERPRETATION EINZELNER ASPEKTE
Von der äußeren Form und den stilistischen Mitteln möchte ich nun direkt zur Interpretation einzelner Aspekte des Gedichts übergehen und so eine ganze Stufe der Textarbeit bewußt überspringen.
Anfangen möchte ich mit dem Motto des Gedichts, dem Zitat aus dem 27. Gesang des dantischen "Inferno"s, in dem die dort sprechende Figur, der Graf von Montefeltro folgendes zu dem ihn ansprechenden Dante sagt:
"Wenn ich vermutete, daß meine Antwort
noch je einmal nach oben kommen könnte,
so rührte ich meine Flammenzunge nicht mehr.
Jedoch, da niemand aus der Unterwelt,
wenn man mir recht berichtet, wieder aufsteigt,
geb ich dir ohne Furcht vor Schande Auskunft." 6
Hermetisch vor den Gedanken des Unbelesenen verschlossen - Eliot zitiert im Original und gibt keine Quelle an - wird uns in diesem Motto ein wichtiger Schlüssel zum Grundverständnis des Prufrock geliefert. Die beiden Personalpronomina, die erste und die zweite Person Singular des Zitats, die wir durch die Kenntnis der >>Divina Commedia<< bestimmen können, finden wir bereits in der ersten Zeile des "Love Song of J. Alfred Prufrock" wieder. Hier heißt es: "Let us go then, you and I...", und das "then" scheint sich direkt auf das italienische Motto zu beziehen. Man könnte meinen, daß Eliot weiter dichtet, was Dante für ihn begonnen hat. Berücksichtigt man das Motto als Teil des Gedichts, so fängt es doch nicht so abrupt an, wie es sich beim ersten Lesen vorstellt, und das "you" und das "I" erhalten in diesem Zusammenhang verschiedene Bedeutungsebenen.
Das "I" des Gedichts kann, übertragen aus dem Motto, für den Grafen Montefeltro stehen, der sich an Dante wendet. Wenn man diese Beziehung auf den "Love Song" überträgt - der Dichter berichtet in der direkten Rede, was eine andere Person ihm erzählt hat - so ist das "I" Prufrock, der seine Geschichte dem Dichter, T.S. Eliot, erzählt. Das "you", das in der Übertragung T.S.Eliot entspricht, kann aber auch als Anrede an den Lesenden gerichtet sein, und so spricht Prufrock auch zu ihm. Erst im Laufe des Gedichts kommt eine dritte mögliche Bedeutungsebene hinzu. Aus dem gemeinsamen Schicksal des "we" in den letzten Zeilen des Gedichts ergibt sich eine Auflösung der Personalpronomina als Einzelaspekte eines Bewußtseins, von mir Prufrock I und Prufrock II genannt, das zu sich selbst spricht, und dessen Dilemma ich bereist im Zusammenhang mit der Laforgueschen Selbstironie erwähnt habe.
| Die verschiedenen Definitionen des "you" und des "I" | ||
| "I" spricht zu "you" | Funktion des "you" | Aktion |
| Motto aus Dantes "Inferno": | Montefeltro spricht zu Dante | berichtet der Außenwelt darüber. |
| Übertragen auf Prufrock: | Prufrock spricht zu Eliot | berichtet der Außenwelt darüber. |
| 1. These | Prufrock spricht zu Leser/in | teilt den Zustand der Verdammnis |
| 2. These | Prufrock I spricht zu Prufrock II | teilt den Zustand der Verdammnis |
Wie hilft uns Dante nun, den "Love Song of J.Alfred Prufrock" zu verstehen? Dantes Motto liefert uns eine Basis für unsere Betrachtungen und Interpretationen, indem es den Eindruck evoziert, der Bericht Prufrocks stammt aus den Flammen der Hölle, aus dem Munde eines Verdammten. Warum dieser verdammt ist, welche Sünde er begangen hat, wird uns dabei allerdings von Eliot nicht mitgeteilt. Das Vergehen Montefeltros, die Falschrednerei, sehe ich nicht als Hinweis auf Prufrocks Schuld. Das Benennen dieser wird ganz unseren Spekulationen und Interpretationen überlassen. Hierzu möchte ich noch einmal Eliot zitieren:
"[Dante] erinnert uns daran, daß die Hölle nicht ein Ort, sondern ein Zustand ist; daß der Mensch ebenso in den Geschöpfen seiner Einbildung verdammt oder begnadet ist wie in Menschen, die wirklich gelebt haben;..." 7
Die Hölle ist nach T.S. Eliot also ein Zustand, in dem sich ein Mensch aber z.B. auch eine fiktive Figur befinden kann. Der Graf Montefeltro war eine historische Figur, J.Alfred Prufrock ist es nicht. Er gehört zu den Geschöpfen der Einbildung, deren imaginäres Schicksal symptomatisch für den Zustand ihrer Zeit ist.
Wenn wir uns nun in Erinnerung rufen, was Montefeltro zu Dante sagt, daß er nicht frei spräche, wenn er nicht wüßte, daß seine Worte nicht an die Öffentlichkeit geraten könnten, müssen wir, wenn wir die Aussage auf Prufrock übertragen, natürlich den Schluß ziehen, daß wir als Lesende direkt an seinem Zustand teilhaben, daß wir uns in diese Hölle begeben müssen, um überhaupt seinen Worten lauschen zu können. Wir haben zwar Eliot, der uns wie Dante davon berichtet, aber diese Bedeutung des "you" wird nicht bestätigt und die Dynamik des "Let us go then..." ist so stark, das wir ebenfalls an diesen Ort, in diese Person geholt werden und so Prufrocks Verdammnis beim Lesen der Zeilen miterleben.
In dem Motto wird die Hölle als ein Ort der Schande dargestellt, über den man nicht spricht, und von dem man nicht möchte, daß das Umfeld von dem eigenen Aufenthalt an selbigem erfährt. Und tatsächlich weiß Prufrocks Gesellschaft nichts von seiner seelischen Verdammnis. Die Außenstehenden haben an seinem Zustand keinen Anteil, und deshalb bekommen wir als Leser auch keinen objektiven Eindruck, keine äußeren Infomationen über Prufrocks Persönlichkeit und Leben. Doch Prufrock ist anders als Montefeltro. Er ist nicht tot, sondern weilt noch unter den Lebenden und spielt ständig mit dem Gedanken, sich mitzuteilen, ohne jedoch die Tat auszuführen. An einer Stelle des Gedichts wird er in Bezug auf seinen inneren Zustand konkret, wenn er im Geiste die Worte formuliert: "I am Lazarus, come from the dead, come back to tell you all, I shall tell you all" (Zeile 94f), doch die Angst vor dem Unverständnis ist zu groß und so erfährt niemand außer uns, daß Prufrock über Erfahrungen des Jenseitigen verfügt, ein Grenzgänger zwischen Leben und Tod ist. Es bleibt uns vorbehalten, an seinem inneren Erleben teilzuhaben, das die Eindrücke, Empfindungen und Gedanken zu der Collage eines menschlichen Bewußtseins zusammenfügt.
Wie sieht nun die Hölle Prufrocks aus? Der innerer Zustand prägt seine Wahrnehmung der Außenwelt. Schwefelgelber Nebel und Rauch, "the yellow fog..., the yellow smoke..." (Zeile 15f), hüllen seine Welt ein, entlarven sie als dantisches Inferno, aus dessen Qualen es kein Entkommen gibt. Im Zentrum dieses Nebels steht das Haus, in dem die tea parties stattfinden. Hier wird er mit den von ihrem ursprünglichen Zweck losgelösten Zwängen einer künstlichen Gesellschaft konfrontiert, die ihm so zu schaffen machen.
Prufrocks Verdammnis ist die Unfähigkeit zu handeln, und seine Strafe ist die Fähigkeit zu reflektieren, die ihm dem Aufenthalt in seiner Welt unerträglich macht. Einzig der Tod bietet ihm im Gegensatz zu Montefeltro Erlösung, doch der Weg dahin führt durch das Alter und den Verfall, die ihn zu einer noch größeren Zielscheibe des Spottes werden lassen können. Gerne würde er den Meermädchen ins das feuchte Grab folgen, zurückkehren an den Ursprung aller Dinge, den Grund des Ozeans, doch schon das Versinken in diese Vorstellung wird von den Geräuschen seiner Umgebung gestört, die ihm keine Ruhe gönnen und ihn in seine ihm die Atemluft raubende Realität zurückholen "Till human voices wake us, and we drown." (Zeile 131).
6.2. "Prufrock among the Women"
Dieser ursprüngliche Titel des Gedichts 8 wurde zum Glück von Eliot wieder verworfen. Er wäre zu eindeutig gewesen, hätte diesen "Love Song" auf einen, wenn auch wichtigen Aspekt reduziert, nämlich die Rolle der Frauen in ihm. Dennoch möchte ich diesen roten Faden aufnehmen, um einen weiteren Weg durch das Labyrinth dieses komplexen Gedichts zu finden, einen Weg, der auch diesmal nicht zur endgültigen Interpretation führen kann. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht nur auf die Darstellung der Frauen und der mit ihnen assoziierten Sexualität eingehen, sondern auch auf die Spuren des Weiblichen, denen Prufrock in seinen Gedanken und Assoziationen folgt . 9
Beginnen wir mit den Frauen. Sie scheinen die einzigen menschlichen Wesen zu sein, auf die Prufrock im Erlebenszeitraum des Gedichts trifft. Stets im Plural, wenn sie bezeichnet werden, begegnen sie uns zum ersten Mal im 2. Abschnitt, in dem raffinierten Zweizeiler "In the room the women come and go talking of Michelangelo", der als fünfter Abschnitt des Gedichtes noch einmal wiederholt wird. Danach lesen wir von ihnen nur noch als "they", als Fragmente ihrer physischen Erscheinung, als "voices dying with a dying fall" (Zeile 52), als "eyes that fix you in a formulated phrase" (Zeile 56) und als "arms that are braceleted and white and bare" (Zeile 63).
Das uns Prufrocks Umgebung als von Frauen dominiert erscheint, liegt aber nicht nur an ihrer physischen Präsenz, die sich durch eben dieses fragmentarische in den Raum aufzulösen scheint, sondern auch an den Accessoires, mit denen sein Universum angefüllt ist. Es ist ein Universum der tea parties; wie abgeschlossen von der Außenwelt finden sich hier die Rituale und Gegenstände des von Frauen aufrecht gehaltenen kultivierten Lebens. Hier gibt es "toast and tea", "cakes and ices", "plates" und die "coffeespoons", mit deren Maß Prufrock sein Leben gemessen hat. Er ist umgeben von "music", "perfume", "skirts" and "shawls" und vor allen Dingen, zumindest meint er es zu wissen, von Unverständnis und Spott.
Prufrock fühlt sich in dieser Umgebung nicht wohl, schlimmer noch, er kann nicht frei reden, sich nicht artikulieren. Geplagt von Selbstzweifeln gibt es für ihn nur den Versuch sich mitzuteilen. Jede Realisation wird durch die Angst vor der Bloßstellung - "If one (...) should say: 'That is not what I meant at all'" (Zeile 96f und weitere) und vor der Verursachung einer Disharmonie in diesem Universum – "Do I dare disturb the universe?" (Zeile 45f) verhindert, und so bleiben alle seine Aussagen und die Reaktion auf selbige hypothetisch, ist "The Love Song of J.Alfred Prufrock" ein Gedicht der rhetorischen Fragen im Geiste.
Prufrocks Angst vor Frauen ist immens, sie sind die Täterinnen in seinem inneren Drama. Ihre fiktiven Stimmen sind es, die ihn verspotten und seine körperliche Schwäche konstatieren: "How his hair is growing thin!"..."But how his arms and legs are thin!" (Abschnitt VI), und ihre kritischen Blicke sind es, von denen er fürchtet, daß sie ihm das Gefühl geben, wie ein Insekt zappelnd an der Wand festgesteckt zu sein (Zeile 58). Die Macht, die Prufrock diesen Frauen zuspricht, ist jedoch nicht so fiktiv, wie es den Anschein haben könnte. Intuitiv durchschaut er die Masken und Rituale der ihn umgebenden Gesellschaft. Für ihn als Mitglied einer wohlhabenderen Schicht - zumindest muß man den Eindruck gewinnen, daß er dazu gehört, wie sonst könnte er den Tag in Salons verbringen? - ist Sexualität ein Sinnbild für unkultivierte, rohe Triebhaftigkeit. Sie wird in ihrer aktiven Form aus den Salons verdrängt und findet sich in den Straßen, den billigen Absteigen und seinen Träumen wieder. Die Kultur des Salons, die kühle Erotik der "arms that are braceleted and white and bare" wird von den bürgerlichen Frauen gepflegt und mit zahlreichen verfeinerten Ritualen angereichert. Die Direktheit menschlichen Zusammentreffens wird durch Tee und angemessene Gesprächthemen gefiltert und hält so die Geschlechter in gebührendem Abstand voneinander. Hier können die Männer nicht erobern, sondern sind auf das Urteil der Frauen angewiesen. Ihnen gilt es zu gefallen, durch Aussehen und andere gesellschaftliche Qualitäten, denen Prufrock, wenn man seine immer wieder zum Ausdruck kommende Unsicherheit betrachtet, scheinbar nicht habhaft ist.
Zu seinem Interesse am weiblichen Geschlecht gesellt sich ein merkwürdiges Desinteresse der Frauen an der Sexualität. Tatsächlich kümmern sich die Frauen in diesem Gedicht gar nicht wirklich um Männer. Sie leben scheinbar völlig abgeschlossen von der Außenwelt in einer Art Refugium, in der ihre eigenen Gesetze gelten und das sich dem Einzugbereich männlicher Macht entzieht. Sich selbst genügend mißachten sie die männliche Kreativität und den Intellekt und würdigen diese herab. Wenn es im zweiten und fünften Abschnitt heißt: "In the room the women come and go talking of Michelangelo", wird auf einer Ebene aufgezeigt, daß für die Frauen Kunst nur einen Kommunikationszweck hat, nämlich zum Reden um des Redens willen; auf einer anderen Ebene jedoch nehmen diese Frauen einen Künstler, der in seinen Werken die Ästhetik des männlichen Körpers feiert und ein Vorbild männlicher Schöpferkraft ist, und degradieren ihn zum Gegenstand eines small talk. Hier wird das vermeindliche Geschwätz zur Waffe und offenbahrt so seine ganze Grausamkeit. Wo die Größe männlichen Denkens kein Verständnis findet, traut sich auch Prufrock nicht, seine Gedanken zu äußern.
Die Frauen sind die Herrscherinnen in diesen Räumen, sie sind es, die zerstören und erschaffen - "to murder and create" (Zeile 27) - , die die Regeln vorgeben, nach denen sich Prufrock verhält. So wirft er denn auch die männliche Entschlossenheit des "let us go" aus dem ersten Abschnitt bei dem Eintritt in die Räumlichkeiten der tea party ab. Auf der Treppe überlegt er wieder umzukehren, da er meint zu wissen, welche Niederlage ihn dort erwartet. Trotzdem scheint er immer und immer wieder zu diesen Veranstaltungen zu gehen, fühlt sich von diesem weiblichen Universum angezogen. Schon der im ersten Abschnitt beschriebene Weg dorthin könnte den möglichen Grund seines Besuches aufzeigen: er führt ihn durch halb verlassen Straßen einer Gegend, die mit ihren "one-night cheap hotels" und ihren "sawdust restaurants with oyster-shells" ein Rotlichtviertel assoziieren lassen. Ist die "overwhelming question" vielleicht doch ein Heiratsantrag, symbolisch für den Wunsch nach gesellschaftlich akzeptierter, geschlechtlicher Vereinigung? Ist es die Einsamkeit, die ihn in den Salon treibt? Wenn er zur Dämmerung durch enge Straßen geht, beobachtet er den Rauch, der aus den Pfeifen einsamer Männer in Hemdsärmeln steigt (Zeile 70ff), und es ist nicht eindeutig zu bestimmen, ob diese Bild auf ihn beruhigend oder traurig wirkt.
Prufrock geht also mit einer Absicht zu diesem gesellschaftlichen Treffen. Je näher er dem Ort kommt, desto geringer wird sein Selbstwertgefühl. In der weiblichen Atmosphäre des Salons übernimmt er Frauen nachgesagte Verhaltensschemata, er wird unsicher und unentschlossen, hat Angst den Ansprüchen nicht zu genügen. Die Bewertungsmaßstäbe seiner Gutachterinnen annehmend betrachtet er sich kritisch: Seiner Erscheinung fehlt die Vitalität eines potenten Mannes, sein Haar wird bereits schütter, seine Gestalt ist die eines unsportlichen Menschen und sein Verhalten ist alles andere als beeindruckend. Er überlegt hin und her, geplagt von Selbstzweifeln, findet nicht mehr den Mut, seine Frage zu stellen und der Anblick von attraktiven bloßen Armen und das Parfum eines Kleides verwirren ihn.
Schon sieht Prufrock seinen Kopf wie den des Johannes auf einem Tablett hereingebracht, aber er ist kein Märtyrer, durch die Leidenschaft Salomes dem Tode geweiht. Und obwohl er gelitten und gefastet hat, ist er kein Prophet, hat er nichts wichtiges mitzuteilen. Er ist kein Hamlet, keine zentrale Figur, er agiert nicht auf dem glatten Parkett des Lebens, und so wünscht er sich zurück an den Boden des Ozeans, dort wo alles einmal angefangen hat, und wo sich das Leben noch nur von Trieben gesteuert seinen Weg bahnt - als gezackte Scheren, die sich rückwärts auf dem Boden der Ozeane bewegen (Zeile 73f).
Und tatsächlich findet er sich in seinen Gedanken dort wieder, diesmal ist er nicht allein. Seemädchen leisten ihm Gesellschaft in den "chambers of the sea" (Zeile 129) und versöhnen ihn in Gedanken mit dem Weiblichen, denn diese Kammern mit ihrem roten und braunen Seetang gleichen dem mütterlichen Uterus, in den sich Prufrock vielleicht zurückwünscht. Und hier findet er, neben dem Gefühl der Geborgenheit und des Wohlseins, daß sich vor allen Dingen durch das Verb "lingered" - verweilen (Zeile 129) ausdrückt, auch den Kontakt zu Frauen, den er sich so sehnlich wünscht. Die "sea-girls" dürfen meiner Meinung nach nicht mit den "mermaids" verwechselt werden. Meerjungfrauen haben anstatt eines Unterleibs und Beinen einen Fischschwanz, "sea-girls" ist eine Übertragung des Wortes in modernes Englisch, wobei in der Imagination des Lesers allerdings auch der Fischschwanz wegfällt. Die "sea-girls" sind also ganze Frauen und verfügen über eine sexuell-reproduktive Fähigkeit, die ihren Vorgängerinnen aufgrund ihrer Anatomie versagt bleibt. So bekommt Prufrocks Aufenthalt unter Wasser neben dem mütterlich-ursprünglichen auch einen sexuellen Unterton, wird ihm dort ein Ort ohne Ängste, ein Ort der Vereinigung geboten. Menschliche Stimmen, vielleicht sogar die Stimmen der Frauen, die die hauptsächliche Geräuschkulisse des Gedichts bilden, holen ihn jedoch in seine grausame Realität zurück und lassen den Teil Prufrocks, der den Zustand der Nicht-Angst erfahren hat, ertrinken - "Till human voices wake us, and we drown" (Zeile 131).
Prufrock ist ein Geschöpf der Einbildung, ein Medium, und doch kann er uns den negativen Einfluß der modernen Gesellschaft auf das Individuum vor Augen führen. Dieser Einfluß wirkt auf der psychischen Ebene, indem die Gesellschaft den Menschen noch weiter von seinem natürlichen, vegetativen Leben isoliert und ihn ihren gesellschaftlichen Zwängen und Phobien unterwirft. Starke Persönlichkeiten können diese Unterwerfung hinnehmen, ohne sich aufzugeben, doch eine weniger starke Psyche unterwirft sich entsprechend dem Wunsch nach Zugehörigkeit bedingungslos den Vorgaben ihrer Umwelt und mag das Schicksal Prufrocks teilen, der der inneren Isolation, bewußt oder unbewußt, gegenüber der äußeren Einsamkeit den Vorzug gegeben hat.
Obwohl es diesen Widerspruch zwischen persönlichen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Zwängen schon seit Anbeginn der menschlichen Kultur gegeben hat, gewinnt er im Laufe der Entwicklung der modernen Gesellschaft für das Individuum zunehmend an Bedeutung. Der Grund hierfür liegt in der Annahme eines individuellen Glücks und der Möglichkeit, diese durch Anstrengung zu erlangen. Es reicht nicht mehr aus, Mensch zu sein und eine vorbestimmte gesellschaftliche Rolle einzunehmen, nein, man muß in der Ausfüllung der Rolle auch noch gut sein, in Wettbewerb mit den anderen Menschen treten. So steht der sensible Mensch in einer Gruppe plötzlich allein, muß gemäß der Konventionen handeln, in Konkurrenz treten, aktiv sein, um einen Eindruck zu hinterlassen, der ihm seine Position in der gesellschaftlichen Rangordnung sichert, kann dies aufgrund seiner psychischen Prägungen und Veranlagungen aber nicht. Kein Wunder also, daß Prufrock sich zurückwünscht in ein evolutionäres Stadium, in dem das Leben einzig durch Triebe weitergeführt wird, in dem das Denken und die Selbstreflektion das Leben nicht belasten.
Ich habe in meiner Interpretation zwei Schwerpunkte gewählt, die ganz unterschiedliche Ebenen des Gedicht hervorheben sollen. Die Beschäftigung mit Dante läßt uns über den Zustand der Verdammnis und inwieweit wir ihn mit Prufrock teilen nachdenken. Wie unterscheidet sich wohl die innere Verdammung eines modernen Menschen von der Vorstellung der nach dem Tod erfahrenen Verdammung eines mittelalterlichen, christlichen Menschen? Stehen wir tatsächlich von den Toten auf, wenn wir uns entscheiden, über unser Schicksal zu reden? Vielleicht bleibt aber auch ein Teil des Bewußtseins für immer in dieser Hölle zurück und kann daraus nicht erlöst werden.
Mit dem Schwerpunkt auf die Rolle der Frauen im "Love Song of J.Alfred Prufrock" versuche ich mich in ein Bewußtsein hineinzuversetzen, das ich als männlich verstehe. Hier wird der moderne Mann mit einem Teil der Gesellschaft konfrontiert, zu dem es seit jeher ein gespaltenes Verhältnis gibt, mit dem anderen Geschlecht, den Frauen. In der bürgerlichen Gesellschaft ist die gutsituierte Frau auf ihre Weise kulturbildend, und zwar hauptsächlich als Rezipientin und als Mäzenin. Letzteres wird sie dadurch, daß sie ein Umfeld schafft, in dem eine Atmosphäre der Kultiviertheit entstehen kann. Irgendwann wird die Kultiviertheit jedoch institutionalisiert und erstarrt zu einem festen, das Individuum erstickenden Regelwerk. Diese Regeln werden den bereits vorhandenen gesellschaftlichen Verhaltensmaßgaben übergestülpt und führen so zu einer weiteren Beengung des Einzelnen. Prufrock befindet sich in dieser Situation und leidet unter ihr. Das Dilemma ist umso größer, wenn man bedenkt, daß das weibliche Geschlecht nicht nur einen Gegenpart bildet, sondern auch unabdingbar mit dem männlichen Schicksal verbunden ist. Auch das imaginäre Medium Prufrock wurde im Kopf seines Schöpfers, wie wir alle, von einer Frau geboren; sie ist es auch, die ihm die Erfüllung seiner Triebe verheißt. In ihrem Bild verbindet sich Geborgenheit mit Liebe, Feindschaft und Mißtrauen. Die Vereinigung dieser gegensätzlichen Emotionen in einem Geschlecht quälen Prufrock, wie sie viele seiner Zeitgenossen gequält haben mögen, denn eine sensible Seele kann sich mit diesem Widerspruch schwerlich arrangieren. Ich sehe diese Problematik im "Love Song", und habe sie als Grund genommen, die Rolle der Frauen genauer zu bestimmen.
Zusammendfassend möchte ich noch einmal darauf hinweisen, wie vielschichtig diese frühe Gedichts Eliots ist. Ich denke, das Eliot seinem erst in dem von mir zitierten, späteren Essay >>Tradition and the Individual Talent<< geäußertem Anspruch nach der Schaffung eines Mediums, durch das die jeweilige Gegenwart spricht, gerecht geworden ist. Mit seiner beeindruckenden sprachlicher Virtuosität schafft er es auch noch heute, Menschen verschiedenster Alters- und Reifestufen anzusprechen und in die Welt des J.Alfred Prufrock zu entführen.
1 "...for my [Eliots] meaning is, that the poet has, not a 'personality' to express, but a particular medium, which is only a medium and not a personality, in which impressions and experiences combine in peculiar and unexpected ways. Impressions and experiences which are important for the man may take no place in the poetry, and those which become important in the poetry may play quite a negligible part in the man, the personality."aus: T.S. Eliot: >>Tradition and the Individual Talent<<, Erstveröffentlichung: Egoist, 1919, dann in: >> The Sacred Wood<<, 1920. Hier zitiert aus >>The Oxford Anthology of English Literatur Vol. II<<, S. 2018. =>zurück
2 Bei Laforgue finden wir diese Figuren in "Hamlet und die Folgen der Sohnestreue" und "Salome", beide Erzählungen aus: >>Moralités Légendaires<<. =>zurück
3 "There is in it all the restlessness of modern life, the haste to escape from whatever weighs to heavily on the liberty of the moment, that capricious liberty which demands only room enough to hurry itself weary." aus: >>The Symbolist Movement in Literature<<. S. 303. =>zurück
4 T.S. Eliot schreibt hierzu: "Of Jules Laforgue [...] I can say that he was the first to teach me how to speak, to teach me the poetic possibilities of my own idiom of speech." Aus T.S. Eliot >>To Criticize the Critic<<, 1965, S. 126f. =>zurück
5 Siehe hierzu auch das in der Einleitung genannte Zitat aus Eliots >>Tradition and the Individual Talent<<. =>zurück
6 Aus: Dante Alighieri. >>Die Göttliche Komödie<<. S. 154. =>zurück
7 Aus: T.S. Eliot >>Über Dichter und Dichtung<<, S. 41. =>zurück
8 Der Titel "Prufrock among the Woman" findet sich in Klammern unter dem Erscheinungstitel in T.S. Eliots Notizbuch. Aus: Christopher Ricks (Ed.) >>Inventions of the March Hare, Poems 1909-1917 by T.S. Eliot<<, S. 39. =>zurück
9 Wenn ich im nun folgenden Text von männlich und weiblich spreche, so meine ich damit die kulturelle und gesellschaftliche Zuordnung der verschiedenen Verhaltensmuster zu den beiden Geschlechtern, unabhängig davon ob das einzelne Individuum tatsächlich in seinem oder ihrem Verhalten so zu bestimmen ist. =>zurück
© Andrea K. Heil, November 1997, @@@www@okaze.de@@@